Zurück zur Homepage

Der Gekreuzigte und seine Nähe zu uns Menschen

Dekanatseinkehrtag mit Prof. Franz Sedlmeier, Augsburg

09.03.2018

Referent Prof. Franz Seldlmeier: Auch im Gekreuzigten ist uns Gott ganz nah. (Bild: Raymund Fobes)

Teilnehmende beim Einkehrtag waren die Priester und pastoralen Mitarbeiter/innen aus dem Dekanat. (Bild: Raymund Fobes)

Eucharistiefeier in der Klosterkirche von Scheyern ((Bild: Raymund Fobes)

Am 8. März fand wieder der schon traditionelle Einkehrtag des Dekanats im Benediktinerkloster Scheyern statt, an dem die Pfarrer und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ingolstadt teilnehmen. Referent war diesmal  Prof. Franz Sedlmeier, Inhaber des Lehrstuhls für alttestamentliche Theologie an der Universität Augsburg und Eichstätter Diözesanpriester. In seinem interessanten Vortrag befasste er sich mit dem Psalm 22, der deshalb von besonderer Bedeutung ist, weil nach dem Zeugnis des Markus- und Matthäusevangeliums Jesus die erste Zeile am Kreuz hängend gebetet hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Sedlmeier ging zunächst auf die Form der biblischen Klagepsalmen ein und stellte heraus, dass diese grundsätzlich immer mit der Anrufung Gottes beginnen, dem folgt die Darstellung der Not (psychologisch, so der Referent sehr hilfreich, weil nur dadurch, dass man der Not ein Gesicht gibt, eine heilsame  Auseinandersetzung geschieht), die dann aber in das Bezeugen des Gottvertrauens hineinmündet und schließlich zum Lobpreis Gottes führt. Im Psalm 22 ist dieser Aufbau nicht so leicht zu entdecken, weil der Psalmist immer wieder in die Beschreibung der Not zurückfällt. Gleichwohl steht aber auch da am Ende der Lobpreis Gottes.

Interessant ist nun, dass Elemente des Psalmes im Gesamt der Markuspassion zu finden sind:  die Verspottung des Leidenden, das Auslosen der Kleider (ein Zeichen übrigens dafür, dass jetzt für den Todgeweihten alles aus und vorbei ist) und schließlich der Ausruf Jesu. Markus beschreibt die Ereignisse aber in umgekehrter Reihenfolge gegenüber dem Psalm, wo der Ausruf „Mein Gott, mein Gott“ am Anfang steht.

Bemerkenswert ist bei Markus auch, dass er beschreibt, wie nach dem Tod Jesu der Vorhang des Tempels zerreißt – ein Zeichen dafür, dass nun die Trennung von Himmel und Erde aufgehoben ist – scheidet doch der Tempelvorhang den göttlichen vom profanen Bereich. Und diese Vereinigung, das machte Sedlmeier deutlich, geschieht schon im Kreuz, weshalb schon das Kreuz für die Nähe Gottes zu den Menschen steht – ein ganz wichtiger Impuls auch für unsere Zeit.

Zum Abschluss seines Vortrags bot der Referent noch eine Blütenlese aus lyrischen Texten zur Passions- und Psalmenthematik von Eva Zeller, Nelly Sachs, Hilde Domin und  Rainer Maria Rilke. Besonders ging er unter anderem auf eine Textstelle aus dem Gedicht „David“ von Nelly Sachs ein, in dem es um König David, dem Prototyp  des Psalmenbeters geht. Dort beschreibt die Dichterin die Psalmen als „Nachtherbergen für Wegwunden“. „Das könnte auch eine Aufgabe der Kirche heutersein – zur Nachtherberge für Wegwunden werden“,  empfahl Sedlmeier.

Dem Vortrag schloss sich noch eine angeregte Diskussion an. Danach feierten alle Teilnehmenden gemeinsam Eucharistie in der Klosterkirche. Hier gab es auch die Gelegenheit, den Segen mit der Scheyerner Kreuzreliquie zu empfangen – eine „Möglichkeit, dem leidenden Christus ganz nah zu sein“, wie es Dekan Bernhard Oswald ausdrückte.

Den Abschluss bildete die gemeinsame Brotzeit in der Klosterschenke, wo es auch noch viel Möglichkeit zum Austausch gab.

Raymund Fobes